martin veigl
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Zwischen Figuration und Abstraktion

Vernissage: Martin Veigl - Urban Theatre, Galerie Gerersdorfer, am 14.09.2016;
Fotos: Daniel Gerersdorfer

[...] Ich kann mich noch gut erinnern, wie meine Kollegen und ich Veigl in seinem Atelier in Haag besuchten. Die Malereien haben mich auf den Abbildungen noch nicht restlos überzeugt und umso neugieriger war ich, sie dann im Original zu sehen. Ich wurde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Sie hatten eine frische malerische Kraft, die mich völlig für sich einnahm – eine Qualität, die so natürlich nur vor den Originalen erfahren werden kann. Das ist immer wieder das Schöne an der Malerei: eine Abbildung kann ihr zwar nahekommen, ihr aber nie ganz gerecht werden.

Veigl hält in seinen Bildern Alltagsszenen fest, meist im städtischen Umfeld: Passanten im urbanen Raum, junge Menschen in sommerlichen Kleidern, beratschlagend, diskutierend, vermutlich Touristen oder Studenten, eine elegante Frau mit Sonnenbrille und einem Schoßhündchen im Arm haltend oder ein Eis essendes Kind, ganz nah herangezoomt neben einem Gewirr aus Taschen tragenden Händen. Vieles erscheint wie zufällig ist aber doch kompositorisch genau durchdacht. Der Künstler ist ein präziser Beobachter, ihm gelingt es, sich rasch von seinen (fotografischen) Vorlagen zu lösen und zu eigenständigen malerischen Bildideen zu finden. Eine Werkserie trägt den Titel „Urban Theatre“ (städtisches Theater). Eine gute Wahl. Denn die Menschen erscheinen oft wie auf einer Bühne, sie sind in ihrer außergewöhnlichen Farbigkeit wie mit Scheinwerfern beleuchtet. Grell und nahe am Bildrand, unmittelbar und ausschnitthaft treten sie uns entgegen. Das Kolorit besteht aus vielen Gelb- und Ockertönen, daneben Smaragd, oder ein helles Blau. Es sind Sommermotive – Veigl taucht seine Protagonisten in ein sommerliches Licht mit seinen typischen Schlagschatten. Daneben hat er ein feines Gespür für die Gesten und Posen des Alltäglichen, die oft durchaus etwas Theatralisches haben.

Die Handschrift ist unverkennbar, der Wiedererkennungswert der Arbeiten hoch. Die malerische Sicherheit in Form- und Farbgebung hat in den letzten Jahren stetig zugenommen, der Mut zur Abstraktion ist größer geworden. Die Grenzen zwischen Figuration und Abstraktion scheinen immer mehr zu verschwimmen. Veigl ist ein Künstler, der Inspiration aus seinem Umfeld, seinen Interessen, seiner Wahrnehmung der Welt schöpft. Einer Welt, die sich im Umbruch befindet, in der vieles offen, vielleicht auch nicht greifbar ist. So sind auch seine Bilder – eine offene Malerei wie gegenständliche Erinnerungsfetzen, die sich in abstrakte, atmosphärisch-warme Farbräume aufzulösen scheinen. Das ist kein stringenter, linearer Prozess, auf ein klar benennbares Ziel ausgerichtet. Der Künstler lässt sich malerisch treiben, lässt die Farben und Formen ihr eigenes Spiel spielen. Besonders schön gelingt ihm das in dem Bild „Konstruierte Masse #6“, gemalt auf einer rohen, ungrundierten Leinwand, auf dem sich die Farbe und der Pinselstich fast vollständig des figurativen Motivs bemächtigen. Spannend sind auch die Detailstudien, ein Arm, ein Hinterkopf, oder auch fragmentierte Körperteile, von einer Spiegelung inspiriert. Die Konturen sind aufgeweicht, der Übergang von Körper und Umraum ist fließend, durchlässig geworden. Nicht allein die physische, körperliche Erscheinung scheint für Veigl von Bedeutung zu sein, sondern auch die rein formgebende. Die gegenständliche Welt ist als Ausgangspunkt seiner Malerei von Bedeutung, doch wichtiger als die Frage, was dargestellt wird, scheint wie etwas gemalt ist. Veigl zeigt eindrücklich, dass alles gemalt werden kann, wenn man es nur gut malen kann. Körper und Gegenstand dienen ihm als Versuchsfeld für eine Malerei, die mit Farbe und Form, Fläche und Raum poetisch wie sinnlich eine neue Wirklichkeit erschaffen kann.

Damit ist ein zentraler Punkt benannt: Malerei ist nie Abbild von Wirklichkeit, sie ist Erschaffung einer eigenen Wirklichkeit. Spätestens Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Malerei in der Aufgabe der Dokumentation von Wirklichkeit durch die Fotografie abgelöst. Das Interesse verlagerte sich vom Motiv auf die Malweise. Cézanne oder Manet fassten das Bild nicht mehr als Fenster zur Welt auf, auf der ebenen Fläche wird kein dreidimensionaler Raum vorgetäuscht. Das Bild ist vielmehr ein zweidimensionales Feld, in dem die Ordnung von Formen und Farben relevant ist – eine parallele Realität zur Welt und nicht deren Abbildung. So auch bei Veigl: Er will nicht die Illusion von Realität schaffen, er weiß um das Medium der Malerei und erschafft eine neue Wirklichkeit, eine eigene Realität. In dieser braucht dann nicht alles ausformuliert zu sein, vieles kann auch nur andeutet werden, ja darf gar nicht zu genau gemalt sein, um die Kraft und Ausdrucksstärke zu behalten. Dem Künstler gelingt es – und das ist eine große Qualität seiner Malerei – diesen Moment zu erkennen und rechtzeitig mit dem Malen aufzuhören.

Die Balance zwischen Vernachlässigung und Sorgfalt ist entscheidend. Es ist ein Malen zwischen aktiv sein und nur mehr reagieren, was die Malerei verlangt, sobald sie sich verselbstständigt und das Bild für sich beansprucht. Der malerische Akt ist dabei in seiner zeitlichen Dimension erfahrbar, durch das prozesshafte Überlagern und Überlappen einzelner Malschichten und -schritte wird der Schaffungsprozess in seinem kreativen Ablauf sichtbar. Auch Spuren des Malvorgangs, wie erkennbare Pinselstriche und Übermalungen, lassen den figurativen Bildgegenstand hinter den Malakt zurücktreten. Doch es ist keine Malerei des resoluten, expressiven Ausdrucks. Die Malerei ist, wie ihre dargestellten Figuren, ruhig und konzentriert, harmonisch und ausgewogen. [...] (Auszug der Eröffnungsrede „Sommerfrische“ und „Urban Theatre“)

Günther Oberholenzer, 2016
www.liebezurkunst.com

Standbilder aus dem urbanen Leben

Atelier, Haag, 2014, Foto: © cédrickaub, Wien

Menschen eilen durch die Straßen, mit Taschen bepackt oder mit Hunden an der Leine. Sie scheinen im Stress zu sein oder zumindest in Gedanken, ihr Blick, wenn nicht hinter Sonnenbrillen versteckt oder auf das Smartphone gerichtet, geht in die Ferne. Es sind Alltagssituationen aus dem urbanen, öffentlichen Raum, Personen, die zwischen Haltestellen und Einkaufsstraßen ihren beruflichen und privaten Terminen nachgehen, inmitten vieler anderer und dennoch anonym und isoliert. Martin Veigl, 1988 in Steyr geboren, beschreibt in seiner Malerei die großstädtische Lebenssituation und hinterfragt die Rollenbilder unserer heutigen Gesellschaft. Mit fotografischem Blick, ausschnitthaft, schnappschussartig, emotionslos, fängt er die hektische Mobilität der Stadtmenschen ein, hält das rege Treiben für einen Augenblick an. In der malerischen Umsetzung kombiniert er souverän exakt ausgearbeitete Details mit frei gestalteten Partien, bei denen die Gestik des Pinselstrichs sichtbar bleibt, die Farbe ihre Rinnsale hinterlässt und unbemalte Leinwandstellen in die Gesamtwirkung integriert werden. Sowohl in der maltechnischen Umsetzung als auch in der koloristischen Auswahl hat der junge Maler, der zunächst Bildnerische Erziehung an der Kunstuniversität in Linz und seit 2012 an der Universität für angewandte Kunst in Wien Malerei bei Johanna Kandl und Gerhard Müller studiert, bereits seine eigenständige Handschrift und Bildsprache entwickelt. In der Werkserie „Faradayscher Käfig“ von 2014 geht Martin Veigl inhaltlichen und formalen Fragestellungen nach. Ein physikalisches Prinzip bewirkt, dass Personen im Inneren eines Autos bei einem Blitzschlag ungefährdet bleiben. Bei Veigl sehen wir ausschnitthaft in einen Wagen, durch Spiegelungen an den Scheiben wird Innen- und Außenraum auf eine Bildebene gebracht, reflektierende Flächen in abstrakte Malerei umgesetzt.

Karla Starecek
PARNASS, 2014
www.parnass.at

Perspektiven der Urbanität

In den vergangenen Jahren hat sich Martin Veigl auf ein spezifisches Genre konzentriert: der urbane Raum. Aus einem starken Bewusstsein für ein höchst aktuelles Sujet mit einer langen Tradition schafft er Gemälde, die sich mit spezifischen Alltagssituationen beschäftigen und sich in der Komplexität des urbanen Raums fokussieren. Die Darstellungen sind Momentaufnahmen, sind ein visuelles Feld großstädtischer Situationen. Kennzeichnend für diese Gemälde ist, dass sie eine typische moderne Erfahrung introduzieren: es ist, als ob sie fotografisch erfasst wurden. Martin Veigl interessiert nicht sosehr die Stadt an sich, sondern die Wahrnehmung der städtischen Vorgänge. Sein Bestreben ist das nüchterne Festhalten des Menschen im urbanen Raum. Für ihn ist die Stadt ein Genre, das um eine zeitgenössische Form fragt, die zugleich die zwischenmenschlichen Verbindungen oder die sozialen Rollenbilder inkorporieren kann.

Veigl findet seine Anregungen unter anderem in der individuellen Wahrnehmung des banalen Alltag in der Großstadt. Er richtet sein Interesse nicht sosehr auf die emotionale Ladung des Bildes, er verleiht seinen Gemälden einen inspirierenden Kommentar. Für ihn ist die Großstadt ein unerschöpfliches Reservoir an Bildern, Mentalitäten und Möglichkeiten. Er will Gemälde machen, die die täglich erlebten Vorgänge auf der Leinwand eingebrannt werden, dazu verwendet er einen klaren und erkennbaren Malstil. Es ist auffallend, das Martin Veigl sich in seinen städtischen Perspektiven mit dem fotografischen und filmischen Blick auseinandersetzt. Seine Art des Schauens ist sowohl durch die Ruhelosigkeit der Stadt wie auch der speziellen Dynamik der Großstadtraumes beeinflusst. Die aktuellen Gemälde sind geprägt von einer hohen Komplexität, thematisieren Scheinwelt und Statussymbole.

Aus dem Bewusstsein vieler künstlerischer Stile und Handschriften heraus entwickelt Veigl eine vollkommen eigene Bildsprache, die besondere Phänomene der Urbanität wie Hektik, Dynamik, Stress, Isoliertheit, Anonymität aufgreifen. Die Wahrnehmungspsychologie hat schon längst den Beweis erbracht, dass der Mensch nur das "sieht", was er auf Grund seiner physiologischen Voraussetzungen sehen kann, und was er auf Grund der individuellen kulturellen Prägung sehen will. Wahrnehmung ist ein konstruktiver Prozess und als solcher immer ein selektiver Vorgang. Angesichts der unendlichen Flut von wechselnden Bildern auf der Netzhaut der Augen ist die menschliche Wahrnehmung darauf angewiesen, in der Umwelt Konstanz, sogenannte invariante Elemente zu erkennen und zu bestimmen.

Seit mehreren Jahren arbeitet Martin Veigl an einer größeren Werkgruppe, die er unprätentiös unter dem Begriff "urban theater" zusammenfasst. Er setzt sich mit einem Motiv auseinander, welches in unserem Alltag eine enorme Präsenz hat. Bilder werden in unterschiedlicher medialer Ausdrucksweise generiert. Sie durchdringen den Alltag und prägen so entscheidend unsere Vorstellung von der Wirklichkeit. Mit Bildern aus dem urbanen Raum sind wir dauernd konfrontiert: Bahnhöfe, Haltestellen, Geschäfte, Straßen. Die Stadt existiert in unserer Vorstellung als Gefüge von determinierten Zeichen. Martin Veigl lotet das Spannungsfeld zwischen einer selbstreflexiven malerischen Praxis und einer Malerei, welche einer Dokumentationsfunktion verpflichtet ist, neu aus; Grenzen werden ausgereizt, um ein Bild zwischen den beiden Ausprägungen fluktuieren zu lassen. Diese Malerei zielt weder auf die Abbildung einer topografischen Wirklichkeit, noch auf den Ausdruck persönlicher Gefühle oder Empfindungen. Vielmehr beharren sie auf ihrer eigenen Visualität, von der nichts Erzählerisches ablenkt. Veigls Perspektiven der Urbanität beleuchten facettenreich und entziehen sich einer schnellen Sinnstiftung. Sie stellen Fragen der Wahrnehmung, provozieren ein assoziierendes, das Sichtbare fortsetzende Sehen.

DDr. Leopold Kogler, 2013

Presse

- Wiener Zeitung am 4.4.2017:
  Wo die Bäume einkaufen gehen, (Bericht zur Ausstellung), Link

- VIENNA.AT am 10. November: Karrieresprungbrett für junge Künstler -
  12. Young ART Lounge in Wien , (Bericht zur Ausstellung), Link

- Esther Art Newsletter am 22. Oktober, (Bericht zur Ausstellung), Link
- Palette & Zeichenstift, Ausgabe 6/2016 Nr. 128, Seite 6-11:
  Martin Veigl - Choreografien des Alltags (Künstlerporträt), PDF (Auszug)

- Profil am 26. September 2016: Ausgeben (Bericht zur Ausstellung), PDF
- Wiener Zeitung am 12. September 2016:
  Der malt ja wie der Goya (Bericht zur Ausstellung), PDF

- Kronenzeitung am 3. Juni 2016: Am Puls der Zeit (Bericht zur Ausstellung), PDF
- vernissage 325: November 2015 - Jänner 2016 (Bericht zur Ausstellung), PDF
- PARNASS: Martin Veigl - Standbilder aus dem urbanen Leben, (Porträt), Link
- ORF: Die Castingshow der neuen Malerei, (Bericht zur Ausstellung), Link
- Sammlung Essl: Die Zukunft der Malerei, eine Perspektive, Link
- Schaufenster, Kultur.Region, Dezember 2014 - Jänner 2015 (Porträt), PDF