martin veigl
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Standbilder aus dem urbanen Leben

Atelier Haag, 2014, Foto: © cédrickaub, Wien

Menschen eilen durch die Straßen, mit Taschen bepackt oder mit Hunden an der Leine. Sie scheinen im Stress zu sein oder zumindest in Gedanken, ihr Blick, wenn nicht hinter Sonnenbrillen versteckt oder auf das Smartphone gerichtet, geht in die Ferne. Es sind Alltagssituationen aus dem urbanen, öffentlichen Raum, Personen, die zwischen Haltestellen und Einkaufsstraßen ihren beruflichen und privaten Terminen nachgehen, inmitten vieler anderer und dennoch anonym und isoliert. Martin Veigl, 1988 in Steyr geboren, beschreibt in seiner Malerei die großstädtische Lebenssituation und hinterfragt die Rollenbilder unserer heutigen Gesellschaft. Mit fotografischem Blick, ausschnitthaft, schnappschussartig, emotionslos, fängt er die hektische Mobilität der Stadtmenschen ein, hält das rege Treiben für einen Augenblick an. In der malerischen Umsetzung kombiniert er souverän exakt ausgearbeitete Details mit frei gestalteten Partien, bei denen die Gestik des Pinselstrichs sichtbar bleibt, die Farbe ihre Rinnsale hinterlässt und unbemalte Leinwandstellen in die Gesamtwirkung integriert werden. Sowohl in der maltechnischen Umsetzung als auch in der koloristischen Auswahl hat der junge Maler, der zunächst Bildnerische Erziehung an der Kunstuniversität in Linz und seit 2012 an der Universität für angewandte Kunst in Wien Malerei bei Johanna Kandl und Gerhard Müller studiert, bereits seine eigenständige Handschrift und Bildsprache entwickelt. In der Werkserie „Faradayscher Käfig“ von 2014 geht Martin Veigl inhaltlichen und formalen Fragestellungen nach. Ein physikalisches Prinzip bewirkt, dass Personen im Inneren eines Autos bei einem Blitzschlag ungefährdet bleiben. Bei Veigl sehen wir ausschnitthaft in einen Wagen, durch Spiegelungen an den Scheiben wird Innen- und Außenraum auf eine Bildebene gebracht, reflektierende Flächen in abstrakte Malerei umgesetzt.

Karla Starecek
PARNASS, 2014
www.parnass.at

Perspektiven der Urbanität

In den vergangenen Jahren hat sich Martin Veigl auf ein spezifisches Genre konzentriert: der urbane Raum. Aus einem starken Bewusstsein für ein höchst aktuelles Sujet mit einer langen Tradition schafft er Gemälde, die sich mit spezifischen Alltagssituationen beschäftigen und sich in der Komplexität des urbanen Raums fokussieren. Die Darstellungen sind Momentaufnahmen, sind ein visuelles Feld großstädtischer Situationen. Kennzeichnend für diese Gemälde ist, dass sie eine typische moderne Erfahrung introduzieren: es ist, als ob sie fotografisch erfasst wurden. Martin Veigl interessiert nicht sosehr die Stadt an sich, sondern die Wahrnehmung der städtischen Vorgänge. Sein Bestreben ist das nüchterne Festhalten des Menschen im urbanen Raum. Für ihn ist die Stadt ein Genre, das um eine zeitgenössische Form fragt, die zugleich die zwischenmenschlichen Verbindungen oder die sozialen Rollenbilder inkorporieren kann.

Veigl findet seine Anregungen unter anderem in der individuellen Wahrnehmung des banalen Alltag in der Großstadt. Er richtet sein Interesse nicht sosehr auf die emotionale Ladung des Bildes, er verleiht seinen Gemälden einen inspirierenden Kommentar. Für ihn ist die Großstadt ein unerschöpfliches Reservoir an Bildern, Mentalitäten und Möglichkeiten. Er will Gemälde machen, die die täglich erlebten Vorgänge auf der Leinwand eingebrannt werden, dazu verwendet er einen klaren und erkennbaren Malstil. Es ist auffallend, das Martin Veigl sich in seinen städtischen Perspektiven mit dem fotografischen und filmischen Blick auseinandersetzt. Seine Art des Schauens ist sowohl durch die Ruhelosigkeit der Stadt wie auch der speziellen Dynamik der Großstadtraumes beeinflusst. Die aktuellen Gemälde sind geprägt von einer hohen Komplexität, thematisieren Scheinwelt und Statussymbole.

Aus dem Bewusstsein vieler künstlerischer Stile und Handschriften heraus entwickelt Veigl eine vollkommen eigene Bildsprache, die besondere Phänomene der Urbanität wie Hektik, Dynamik, Stress, Isoliertheit, Anonymität aufgreifen. Die Wahrnehmungspsychologie hat schon längst den Beweis erbracht, dass der Mensch nur das "sieht", was er auf Grund seiner physiologischen Voraussetzungen sehen kann, und was er auf Grund der individuellen kulturellen Prägung sehen will. Wahrnehmung ist ein konstruktiver Prozess und als solcher immer ein selektiver Vorgang. Angesichts der unendlichen Flut von wechselnden Bildern auf der Netzhaut der Augen ist die menschliche Wahrnehmung darauf angewiesen, in der Umwelt Konstanz, sogenannte invariante Elemente zu erkennen und zu bestimmen.

Seit mehreren Jahren arbeitet Martin Veigl an einer größeren Werkgruppe, die er unprätentiös unter dem Begriff "urban theater" zusammenfasst. Er setzt sich mit einem Motiv auseinander, welches in unserem Alltag eine enorme Präsenz hat. Bilder werden in unterschiedlicher medialer Ausdrucksweise generiert. Sie durchdringen den Alltag und prägen so entscheidend unsere Vorstellung von der Wirklichkeit. Mit Bildern aus dem urbanen Raum sind wir dauernd konfrontiert: Bahnhöfe, Haltestellen, Geschäfte, Straßen. Die Stadt existiert in unserer Vorstellung als Gefüge von determinierten Zeichen. Martin Veigl lotet das Spannungsfeld zwischen einer selbstreflexiven malerischen Praxis und einer Malerei, welche einer Dokumentationsfunktion verpflichtet ist, neu aus; Grenzen werden ausgereizt, um ein Bild zwischen den beiden Ausprägungen fluktuieren zu lassen. Diese Malerei zielt weder auf die Abbildung einer topografischen Wirklichkeit, noch auf den Ausdruck persönlicher Gefühle oder Empfindungen. Vielmehr beharren sie auf ihrer eigenen Visualität, von der nichts Erzählerisches ablenkt. Veigls Perspektiven der Urbanität beleuchten facettenreich und entziehen sich einer schnellen Sinnstiftung. Sie stellen Fragen der Wahrnehmung, provozieren ein assoziierendes, das Sichtbare fortsetzende Sehen.

DDr. Leopold Kogler, 2013

Presse

- Palette & Zeichenstift, Ausgabe 6/2016 Nr. 128, Seite 6-11:
  Martin Veigl - Choreografien des Alltags (Künstlerporträt), PDF (Auszug)

- Profil am 26. September 2016: Ausgeben (Bericht zur Ausstellung), PDF
- Wiener Zeitung am 12. September 2016:
  Der malt ja wie der Goya (Bericht zur Ausstellung), PDF

- Kronenzeitung am 3. Juni 2016: Am Puls der Zeit (Bericht zur Ausstellung), PDF
- vernissage 325: November 2015 - Jänner 2016 (Bericht zur Ausstellung), PDF
- PARNASS: Martin Veigl - Standbilder aus dem urbanen Leben, (Porträt), Link
- ORF: Die Castingshow der neuen Malerei, (Bericht zur Ausstellung), Link
- Sammlung Essl: Die Zukunft der Malerei, eine Perspektive, Link
- Schaufenster, Kultur.Region, Dezember 2014 - Jänner 2015 (Porträt), PDF